20.05.2026

In Zeiten des Klimawandels müssen auch Kliniken nachhaltige Strategien zum Schutz von Ressourcen entwickeln. Denn das weltweite Gesundheitswesen trägt beispielsweise mit vier bis fünf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen maßgeblich zu dieser Problematik bei. Insbesondere die Anästhesiologie und Intensivmedizin gehören zu den ressourcen- und energieintensivsten Bereichen. Die Wissenschaftler Dr. Florian Windler und Dr. Pascal Siegert von der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin (KAI) am Universitätsklinikum Bonn (UKB) berichten über Nachhaltigkeit in der Anästhesie und neue Forschungsergebnisse, die unter anderem kürzlich in der Fachzeitschrift „” veröffentlicht wurden.
Warum forschen Sie zur Nachhaltigkeit in der Anästhesie?
Dr. Florian Windler: „Anästhesiologie und Intensivmedizin erzeugt einen erheblichen Anteil an Krankenhaus- und Medikamentenabfällen, die fachgerecht entsorgt werden müssen. Eine Intensivpatientin oder ein Intensivpatient verursacht allein täglich bis zu 17 Kilogramm Abfall; zahlreiche Medikamente werden ungenutzt verworfen. Der Aspekt der Nachhaltigkeit wurde in der Anästhesiologie lange vernachlässigt. Ein anschauliches Beispiel dafür sind Inhalationsnarkotika wie Lachgas, die zum Teil gravierend unterschiedliche Treibhauspotenziale aufweisen. Wenn zwei Anästhesieverfahren medizinisch gleichwertig sind, sollte die Wahl auf die nachhaltigere Option fallen. So lassen sich die assoziierten Treibhausgasemissionen um 80 bis 90 Prozent reduzieren, das ist ein substanzieller Effekt. Dabei gilt: Die Patientensicherheit hat stets höchste Priorität.“
Sie beide gehören zum Green-Team der KAI am UKB. Was konnte das Team beispielsweise schon erreichen?
Dr. Pascal Siegert: „Wir suchen nach Wegen, die „5-R“ der Nachhaltigkeit – und zwar „Reduce, Reuse, Recycle, Rethink, Research“ – im Klinikum-Alltag zu realisieren. Unser Green Team hat erforscht, wie die Emissionen von Narkosegasen gesenkt werden können und wie weniger Sondermüll in der Anästhesie durch Atemkalk-Kartuschen entsteht. Aktuell untersuchen wir, wie der Propofol-Verwurf im OP verringert werden kann.“
Was macht Propofol als Anästhetikum so attraktiv?
Dr. Pascal Siegert: „Propofol ist das mit Abstand am häufigsten eingesetzte intravenöse Hypnotikum. Es reduziert unter anderem die Häufigkeit von postoperativer Übelkeit und Erbrechen und ermöglicht oft eine sanftere Aufwachphase mit rascherem Erholungsverlauf. Gegenüber inhalativen Anästhetika hat die intravenöse Narkose mit Propofol den ökologischen Vorteil, dass keine direkte Freisetzung von Treibhausgasen erfolgt.“
Wo liegt das Problem beim Einsatz von Propofol, und wie kommt es dazu?
Dr. Pascal Siegert: „Propofol stellt mengenmäßig den größten Anteil am Medikamentenverwurf im Operationssaal dar. Das Effizienzproblem ist erheblich: 23 bis 50 Prozent des aufgezogenen Propofols werden ungenutzt entsorgt. Nur wenige Studien haben bislang konkrete Lösungsansätze zur Reduktion dieses hohen Verwurfs untersucht. Eine Möglichkeit besteht im ausschließlichen Einsatz von 20 Millimeter- anstelle von 50 oder 100 Milliliter-Ampullen. Dies führt jedoch zu einer erhöhten Anzahl an Spritzenwechseln während der Narkose sowie zu einem entsprechend gesteigerten Kunststoffabfall.“
Sehen Sie eine gangbare Möglichkeit zur Reduzierung des Propofol-Verwurfs?
Dr. Florian Windler: „Ja, unsere Forschung zeigt unter anderem, dass der Einsatz einer einzigen Spritzenpumpe sowohl für die Einleitung als auch die Aufrechterhaltung der Narkose sparsamer ist: Der Propofol-Verwurf wird so zwischen 30 und 50 Prozent reduziert.“
Wie lässt sich laut Ihrer aktuellen Studie der Propofolabfall reduzieren?
Dr. Florian Windler: Die Einleitung einer intravenösen Narkose erfolgt üblicherweise mit einer einmaligen schnellen Propofol-Gabe; die Aufrechterhaltung wird anschließend über manuell eingestellte Spritzenpumpen gesteuert. Moderne Pumpensysteme bieten darüber hinaus die Möglichkeit einer automatisierten, patientenadaptierten Infusion. Die sogenannte (TCI) nutzt dabei individuelle Patientenparameter wie Körpergröße, Gewicht, Geschlecht und Alter sowie ein pharmakokinetisches Modell, um eine definierte Zielkonzentration während der Narkose aufrechtzuerhalten. Wir konnten anhand einer Simulation zeigen, dass TCI-basierte intravenöse Anästhesieverfahren eine zuverlässige Vorhersage des individuellen Propofol-Bedarfs ermöglichen und damit das Potenzial haben, Verwurf und Spritzenwechsel deutlich zu reduzieren. Hochrechnungen zufolge könnte ein Krankenhaus mit 15 intravenösen Narkosen täglich durch dieses Vorgehen bis zu 2.340 Propofol-Ampullen und rund 16.000 Euro pro Jahr einsparen. Die dafür notwendigen Werkzeuge stellen wir frei zur Verfügung: Eine Berechnungstabelle ist in unserer Publikation enthalten, ergänzend steht eine kostenfreie App namens Propofol-Dreams in den gängigen App-Stores zur Verfügung. Aktuell evaluieren wir in einer prospektiven klinischen Studie das Vorhersagesystem unter Alltagsbedingungen im laufenden Operationsbetrieb und dessen Möglichkeiten zur praktischen Integration.“
Weitere Informationen
Der Leuchtturm Climate&Health.NRW beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit und wie diese adressiert werden können.
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