Duisburg/Essen: Frühe Hormone beeinflussen psychische Symptome geschlechtsspezifisch

Langzeitstudie zeigt: Frühe hormonelle Veränderungen können die psychische Entwicklung beeinflussen – bei Jungen anders als bei Mädchen.

v.l.: Prof. Dr. Anke Hinney, Franka Weisner und Dr. Lars Dinkelbach, geschlechtsspezifische Muster
v.l.: Prof. Dr. Anke Hinney, Franka Weisner und Dr. Lars Dinkelbach. © Medizinische Fakultät UDE | DC

Langzeitstudie zu psychischer Entwicklung

Forschende der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen haben Daten einer Langzeitstudie ausgewertet und gezeigt, dass frühe hormonelle Veränderungen im Alter zwischen 9 und 12 Jahren mit der Entwicklung psychischer Symptome zusammenhängen können – und zwar geschlechtsspezifisch. Die Studie wurde kürzlich in Translational Psychiatry veröffentlicht.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die sogenannte Adrenarche, eine frühe Phase der pubertären Entwicklung, in der die Nebennieren verstärkt Androgene wie Dehydroepiandrosteron (DHEA) produzieren. Dieses Hormon gilt als wichtiger biologischer Marker für beginnende Reifungsprozesse, die unter anderem die Gehirnentwicklung, Emotionsregulation und Stressverarbeitung beeinflussen können. Bisher war jedoch unklar, ob diese frühen hormonellen Veränderungen langfristig mit psychischen Auffälligkeiten im Jugendalter zusammenhängen. Grund genug für Franka Weisner, dieses Thema als Doktorandin im BIOME-Core Sex and Gender Sensitive Medicine am Institut für Geschlechtersensible Medizin (IGSM) genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die Forschenden nutzten Daten aus der groß angelegten Adolescent Brain Cognitive Development (ABCD) Study mit insgesamt bis zu 11.696 Teilnehmenden. Dabei wurden DHEA-Spiegel im Speichel im frühen Jugendalter erhoben und über mehrere Jahre hinweg mit der Entwicklung psychischer Symptome verglichen, die mithilfe standardisierter Fragebögen zur Verhaltensbeurteilung (Child Behavior Checklist) erfasst wurden.

„Unsere Ergebnisse zeigen ein deutlich geschlechtsspezifisches Muster. Bei Jungen gingen höhere DHEA-Werte im frühen Jugendalter mit weniger psychischen Symptomen im weiteren Verlauf einher“, erklärt Dr. Lars Dinkelbach. Er ist Letztautor der Studie und Clinician Scientist an der Klinik für Kinderheilkunde II und dem IGSM. Dies betraf sowohl externalisierende Probleme wie aggressives oder impulsives Verhalten als auch internalisierende Symptome wie Angst oder depressive Verstimmungen, stabil über mehrere Nachbeobachtungszeitpunkte hinweg. Bei Mädchen hingegen konnten keine signifikanten Zusammenhänge zwischen DHEA-Spiegeln und späteren psychischen Symptomen festgestellt werden.

Komplexe Wechselwirkungen mit sozialen, psychologischen und Umweltfaktoren

Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass frühe hormonelle Prozesse während der Adrenarche eine wichtige Rolle für die psychische Entwicklung spielen könnten, jedoch in geschlechtsspezifischer Weise. Die Autor:innen betonen, dass Hormone dabei nicht isoliert wirken, sondern wahrscheinlich in komplexer Wechselwirkung mit sozialen, psychologischen und Umweltfaktoren stehen.

Unsere Studie legt nahe, dass die Adrenarche als sensibles Entwicklungsfenster für die Entstehung psychischer Gesundheit stärker in den Blick genommen werden sollte.
Prof. Dr. Anke Hinney, Leiterin des Instituts für Geschlechtersensible Medizin

Weitere Informationen

Der Leuchtturm Gendermedizin.NRW beschäftigt sich mit der Berücksichtigung von Geschlechts- und Genderaspekten in der medizinischen Forschung sowie in der Vorsorge, Diagnose, Therapie und Nachsorge.

Gleichzeitig dient der Leuchtturm als zentrale Plattform für Vernetzung und Austausch in NRW.

Weitere Neuigkeiten aus NRW zu Innovationen, Forschungsergebnissen und Entwicklungen der innovativen Medizin finden Sie bei unseren News.


Beitrag teilen:
X
LinkedIn
Mail
Link kopieren