Bonn: Herzinfarkt – wie schnell ist eine sichere Diagnose möglich?

Neuer Institutsleiter Prof. Jasper Boeddinghaus startet am Universitätsklinikum Bonn mit zwei hochrangigen Publikationen im Fachjournal The Lancet.

Situation in einem Schockraum, in de Mitte eine Person auf der Trage, um sie herum Arzt und Pflegende, Herzinfarkt
Herzinfarktverdacht: Wie schnell ist eine sichere Diagnose möglich?
© Herzzentrum am UKB | Felix Heyder

Wie schnell lässt sich bei Menschen mit akutem Brustschmerz sicher feststellen, ob ein Herzinfarkt vorliegt oder ausgeschlossen werden kann? Mit dieser Frage beschäftigen sich zwei große internationale Forschungsarbeiten, deren Ergebnisse am vergangenen Wochenende beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in München vorgestellt wurden.

Maßgeblich daran beteiligt ist Prof. Jasper Boeddinghaus. Er ist kürzlich vom Universitätsspital Basel an das Universitätsklinikum Bonn (UKB) gewechselt und baut dort das neue Institut für klinische Herz-Kreislaufforschung auf. Die internationale Studie „PRESC1SE-MI“ wurde zeitgleich im renommierten Fachjournal The Lancet veröffentlicht. Eine zweite Arbeit ist dort bereits zur Veröffentlichung angenommen und wird zeitnah erscheinen.

Akute Brustschmerzen gehören weltweit zu den häufigsten Gründen für eine Vorstellung in der Notaufnahme. Mehr als 30 Millionen Patient:innen werden jedes Jahr weltweit in Notaufnahmen untersucht. Für die behandelnden Teams stellt sich dabei häufig die entscheidende Frage: Liegt tatsächlich ein Herzinfarkt vor oder kann er sicher ausgeschlossen werden?

Im Mittelpunkt der Diagnostik steht dabei das herzspezifische Troponin, ein Biomarker, dessen Konzentration im Blut Hinweise auf eine Schädigung des Herzmuskels liefert. Internationale Leitlinien empfehlen für die schnelle Abklärung bei Verdacht auf einen Herzinfarkt den sogenannten 0/1-Stunden-Algorithmus als bevorzugte Strategie. Dabei wird der Troponinwert bei Aufnahme und bereits nach einer Stunde erneut bestimmt.

Mit PRESC1SE-MI untersuchte ein internationales Forschungsteam, wie sicher und effektiv die Einführung dieses beschleunigten Verfahrens im Vergleich zum bisherigen 0/3-Stunden-Vorgehen unter realen Bedingungen in Notaufnahmen ist. In die große randomisierte Studie flossen über 67.000 Patientenvorstellungen an 19 Krankenhäusern in zehn Ländern ein. Als zentrale Endpunkte untersuchten die Forschenden zum einen Tod oder einen neuen Typ-1-Herzinfarkt innerhalb von 30 Tagen und zum anderen die Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme. Boeddinghaus ist Co-Projektleiter und Erstautor der im Lancet erschienenen Arbeit.

Die Ergebnisse zeigen: Hinsichtlich des kombinierten Sicherheitsendpunkts aus Tod jeglicher Ursache oder einem neuen Typ-1-Herzinfarkt innerhalb von 30 Tagen war das 0/1-Stunden-Verfahren dem 0/3-Stunden-Verfahren nicht unterlegen. Bei den beiden Einzelkomponenten zeigte sich allerdings ein gegenläufiges Bild, das nach Einschätzung der Forschenden weiter untersucht werden muss. Gleichzeitig erfolgte die zweite Troponinmessung beim schnelleren Verfahren im Median knapp zwei Stunden früher. Dies führte jedoch nicht zu einer kürzeren Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme. Sie betrug in beiden Gruppen im Median 309 Minuten.

Damit zeigt die Studie zugleich, dass eine schnellere Labordiagnostik allein nicht automatisch zu einer schnelleren Versorgung führt. Nach Einschätzung der Forschenden spielen vielmehr auch die weiteren diagnostischen und organisatorischen Abläufe in den Notaufnahmen eine entscheidende Rolle.

Unmittelbar nach PRESC1SE-MI präsentierte Boeddinghaus beim ESC-Kongress auch die Ergebnisse einer zweiten großen Forschungsarbeit. Für diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse wurden die individuellen Patientendaten aller verfügbaren randomisierten Studien zum Vergleich des 0/1- mit dem 0/3-Stunden-Verfahren zusammengeführt und nach einheitlichen Kriterien neu ausgewertet. Insgesamt umfasst die Analyse 110.933 Patientenvorstellungen aus fünf randomisierten Studien, 46 Studienzentren und 14 Ländern.

Auch diese übergreifende Analyse zeigt, dass die frühere Wiederholung der Troponinmessung allein im Durchschnitt weder die Aufenthaltsdauer in der Notaufnahme verkürzt noch den Anteil der Patient:innen erhöht, die direkt aus der Notaufnahme entlassen werden können. Kurzfristige schwerwiegende Ereignisse waren insgesamt selten. Die Forschenden kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Entscheidung für einen 0/1-Stunden-Algorithmus nicht allein von der Erwartung bestimmt werden sollte, die Abläufe in einer Notaufnahme zu beschleunigen. Vielmehr müssen auch die diagnostischen und organisatorischen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.

Die Arbeit ist von The Lancet bereits zur Veröffentlichung angenommen und soll im Laufe des Septembers erscheinen.

Die beiden Arbeiten stehen exemplarisch für einen zentralen Forschungsschwerpunkt von Prof. Boeddinghaus. Er beschäftigt sich insbesondere mit Biomarkern und neuen diagnostischen Verfahren bei akuten Herzerkrankungen sowie mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Herzdiagnostik. Am Cardiovascular Research Institute Basel legte er den Grundstein für seine heutige Forschung und leitete zuletzt zwei Forschungsgruppen. Arbeiten zum Einsatz von KI in der kardiovaskulären Diagnostik, die während seiner Tätigkeit an der University of Edinburgh entstanden, publizierte er unter anderem in Nature Medicine. 2025 zeichnete ihn die Schweizerischen Herzstiftung mit ihrem höchsten Forschungspreis aus.

„Das herzspezifische Troponin ist ein Eiweiß in den Muskelzellen des Herzens und ein wunderbarer Biomarker im Blut für die Erkennung von akuten Herzschädigungen, wie sie zum Beispiel bei einem Herzinfarkt auftreten. Da jedoch die heutigen Troponin-Tests hochempfindlich sind, wird bei vielen Menschen ein Herzinfarkt vermutet“, sagt Prof. Boeddinghaus. Sein Ziel sei es deshalb, neue Verfahren zu entwickeln, mit denen ein Herzinfarkt rascher und genauer diagnostiziert oder ausgeschlossen werden kann.

Neben der kardiovaskulären Biomarkerforschung und der Entwicklung neuer diagnostischer Algorithmen beschäftigt sich Boeddinghaus mit neuen Behandlungsmöglichkeiten der koronaren Herzkrankheit. So können Kliniker:innen verengte Herzkranzgefäße anstelle mit konventionellen permanenten Stents auch mit medikamentenbeschichteten Ballons oder mit sich wieder auflösenden Gefäßstützen behandeln.

Die neue Professur und das Institut am UKB sind Ergebnis der erfolgreichen Entwicklung des kardiovaskulären Forschungsschwerpunkts am Standort Bonn. Maßgeblich dazu beigetragen hat der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Transregio-Sonderforschungsbereich TRR 259 „Aortenerkrankungen“, dessen Sprecher der Bonner Klinikdirektor Prof. Georg Nickenig ist.

„Mein Ziel ist, ein erfolgreiches Forschungsinstitut für die klinische kardiovaskuläre Forschung aufzubauen, das den Standort Bonn nachhaltig wissenschaftlich stärkt und eine Strahlkraft entwickelt – über die Grenzen Bonns und hoffentlich auch über die Grenzen Deutschlands hinaus“, sagt Prof. Boeddinghaus. Dabei setzt er auf seine internationale Vernetzung ebenso wie auf eine enge Zusammenarbeit innerhalb der Kardiologie und der kardialen Diagnostik sowie mit anderen Instituten und dem Exzellenzcluster ImmunoSensation³.

Besonders wichtig ist Boeddinghaus zudem die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Bereits in Basel betreute er zahlreiche Masterstudierende und Promovierende und ermöglichte Medizinstudierenden frühzeitig Einblicke in die klinische Forschung.

Je früher man die jungen Menschen heranführt, desto eher können sie ihre Interessen feststellen. Und ich glaube, so gewinnt man früher talentierten Nachwuchs für die Kardiologie, sowohl für die Klinik als auch für die Forschung. Nicht zuletzt möchte ich auch möglichst viele Kolleginnen und Kollegen aus der Kardiologie für die Forschung gewinnen und mit ihrer Unterstützung das Institut aufbauen.
Prof. Jasper Boeddinghaus, Institut für klinische Herz-Kreislaufforschung , UKB

Weitere Informationen

KliFoNet.NRW steht für Klinisches Forschungsnetzwerk NRW. Der Leuchtturm ist die zentrale Plattform für Austausch und Organisation zur klinischen Forschung in NRW. Mehr Informationen zum Leuchtturm finden Sie auf www.KliFoNet.nrw.

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