28.07.2026
Wissenschaftler:innen wissen seit Langem, dass Erwartungen Schmerzen lindern können. Unklar war bislang jedoch, ob unterschiedliche Arten, solche Placeboeffekte hervorzurufen, auf denselben biologischen Mechanismen beruhen. Eine neue, in veröffentlichte Studie liefert nun überzeugende Belege dafür, dass dies nicht der Fall ist.
Neue Muster erkannt durch gemeinsame Auswertung
Forschende des SFB/TRR 289 Treatment Expectation an der Universitätsmedizin Essen haben gemeinsam mit dem internationalen Bildgebungsdaten des Gehirns von 409 Teilnehmenden aus 16 Studien zur placeboinduzierten Schmerzlinderung analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass eine allein durch verbale Suggestion hervorgerufene Schmerzlinderung und eine durch Lernerfahrungen verstärkte Placebo-Analgesie auf teilweise überlappenden, aber auch unterschiedlichen neuronalen Signalwegen beruhen. Damit wird deutlich, dass Placeboeffekten auf die Schmerzwahrnehmung nicht nur ein einziger neurobiologischer Mechanismus zugrunde liegt.
Die Studie zählt zu den bislang größten bildgebenden Untersuchungen zur Placebo-Analgesie und ist das Ergebnis einer einzigartigen internationalen Zusammenarbeit, bei der Daten auf Ebene einzelner Teilnehmender aus Laboren in Europa und Nordamerika zusammengeführt wurden. Durch die gemeinsame Auswertung individueller Hirnbildgebungsdaten – anstelle einer ausschließlichen Analyse bereits veröffentlichter zusammenfassender Ergebnisse – konnten die Forschenden Muster sichtbar machen, die in einzelnen Studien nicht zu erkennen sind.
Unterschiedliche Wege zum Placeboeffekt
Placeboeffekte beruhen auf der Erwartung einer Person, dass ihre Schmerzen gelindert werden. Diese Erwartung kann auf zwei unterschiedliche Arten ausgelöst werden. Bei einem Ansatz erhalten die Teilnehmenden verbale Informationen, die nahelegen, dass eine Behandlung die Schmerzen reduzieren wird. Beim anderen Ansatz werden solche verbalen Suggestionen mit einer sog. Konditionierung kombiniert, in der die Teilnehmenden während einer Lernphase unmittelbar eine Schmerzlinderung erfahren.
Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass vorausgegangene Behandlungserfahrungen die Placebo-Analgesie verstärken können. Unklar blieb jedoch, ob dieser stärkere Effekt durch dieselben biologischen Mechanismen oder durch unterschiedliche neuronale Signalwege entsteht. Um diese Frage zu beantworten, verglich das Forschungsteam die Hirnreaktionen aus Studien, in denen entweder ausschließlich verbale Instruktionen oder verbale Instruktionen in Kombination mit einer unmittelbaren Erfahrung, also einer Konditionierung, eingesetzt worden waren. Beide Ansätze aktivierten gemeinsame, mit Placeboeffekten verbundene Netzwerke. Die Analyse zeigte jedoch auch wichtige Unterschiede.
Mehrere Wege führen zum Ziel
Beide Methoden erhöhten die Aktivität in Hirnregionen, die mit kognitiver Kontrolle und Aufmerksamkeit in Verbindung stehen, und verringerten gleichzeitig die Aktivität in Bereichen, die an der Schmerzverarbeitung beteiligt sind. Die Konditionierung aktivierte darüber hinaus Hirnsysteme, die mit der Repräsentation von Kontextinformationen und der Schmerzmodulation zusammenhängen. Zudem führte sie zu einer stärkeren Verringerung der Aktivität in sensorischen und insulären Regionen, die an der Verarbeitung schmerzhafter Reize beteiligt sind. Die Konditionierung ging außerdem mit einer stärkeren Veränderung etablierter Hirnmarker der nozizeptiven Schmerzverarbeitung einher.
Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass Placebo-Analgesie über mehrere biologische Wege entstehen kann und nicht auf einem einzigen, einheitlichen Mechanismus beruht.
Aus Heterogenität lernen
Über viele Jahre hinweg stellte die große Variabilität zwischen Placebostudien eine Herausforderung für Forschende dar, die nach einheitlichen neuronalen Mechanismen suchten. Die neue Studie deutet darauf hin, dass ein Teil dieser Variabilität auf bedeutsame biologische Unterschiede zurückzuführen ist und nicht lediglich auf experimentelles Rauschen.
„Da sich Placebostudien in ihren experimentellen Einzelheiten stark unterscheiden können, war es bislang schwierig, die ihnen gemeinsamen Hirnprozesse zu identifizieren“, sagt Prof. Tamas Spisak, Erstautor der Studie und Wissenschaftler an der Universitätsmedizin Essen. „Durch die Zusammenführung von Daten einzelner Teilnehmender aus zahlreichen Laboren weltweit konnten wir zeigen, dass ein Teil dieser Heterogenität tatsächlich aufschlussreich ist. Unterschiedliche Methoden zur Erzeugung von Placeboeffekten hinterlassen jeweils charakteristische Spuren im Gehirn. Große kollaborative Datensätze ermöglichen es uns, diese Muster sichtbar zu machen.“
Ermöglicht wurden die Ergebnisse durch das , eine internationale Kooperation, die gegründet wurde, um Bildgebungsdaten und wissenschaftliche Expertise zwischen Laboren auszutauschen, die Placeboeffekte untersuchen.
„Diese Studie verdeutlicht die Stärke gemeinschaftlicher Forschung“, sagt Prof. Tor D. Wager, Co-Leiter des und Professor am Dartmouth College in den USA. „Fragen zu den Mechanismen von Placeboeffekten sind häufig zu komplex, um von einzelnen Laboren allein beantwortet zu werden. Indem wir Forschende und Datensätze aus aller Welt zusammengebracht haben, konnten wir eine seit Langem offene Frage des Forschungsfeldes untersuchen. Dabei zeigte sich, dass Erfahrungen, die vorangegangene Suggestionen verstärken, eine entscheidende Rolle dabei spielen, Placeboeffekte besonders wirksam zu machen.“
Seit Jahrzehnten zeigt die Placeboforschung, dass Erwartungen Schmerzen beeinflussen können. Unklar blieb jedoch, ob unterschiedliche Arten, solche Erwartungen zu erzeugen, auf derselben zugrunde liegenden Biologie beruhen. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass dies nicht der Fall ist. Durch die Identifizierung unterschiedlicher neuronaler Signalwege kommen wir dem Verständnis näher, welche Mechanismen in verschiedenen klinischen Situationen aktiviert werden können. Künftig könnte uns dieses Wissen dabei helfen, gezieltere Strategien zu entwickeln, um die körpereigenen schmerzlindernden Systeme von Patientinnen und Patienten zu unterstützen und Behandlungsergebnisse zu verbessern.
Bedeutung für die Medizin
Placeboeffekte tragen in vielen Bereichen der Medizin wesentlich zum Behandlungserfolg bei, insbesondere in der Schmerztherapie. Ein besseres Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen könnte Forschenden sowie Ärztinnen und Ärzten dabei helfen, gezieltere Ansätze zu entwickeln, um positive Behandlungserwartungen und Lernprozesse therapeutisch zu nutzen.
Die Forschenden betonen, dass Placeboeffekte nicht einfach nur eingebildete Verbesserungen sind. Vielmehr gehen sie mit messbaren Veränderungen der Hirnaktivität einher, die beeinflussen, wie Schmerzen verarbeitet und erlebt werden. Die Ergebnisse vertiefen nicht nur das Verständnis eines der faszinierendsten Phänomene der Medizin. Sie zeigen auch, wie groß angelegte internationale Kooperationen grundlegende biologische Mechanismen sichtbar machen können, die in kleineren Studien verborgen bleiben.
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