20.10.2026

© Referenzzentrum Mammographie Münster
Mit rund 75.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Brustkrebs in Deutschland die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Durch den Einsatz der digitalen Tomosynthese im Screening-Programm für Brustkrebs könnte möglicherweise etwa ein Viertel der sogenannten invasiven Intervallkarzinome vermieden werden, die innerhalb von zwei Jahren nach einer herkömmlichen digitalen Mammografie auftreten. Im ersten Jahr nach einem unauffälligen Screening lag die Rate dieser Brustkrebsdiagnosen in der Tomosynthese-Gruppe um 29 Prozent niedriger als in der Mammografie-Gruppe. Dies geht aus den Ergebnissen der „TOSYMA“-Studie hervor, der bislang weltweit größten Vergleichsstudie der beiden Diagnoseverfahren.
Das Verfahren: Schichtbilder aus mehreren Aufnahmen
Bei der Tomosynthese werden mit niedrig dosierter Röntgenstrahlung mehrere Aufnahmen aus unterschiedlichen Winkeln erstellt. Aus diesen Aufnahmen lassen sich Schichtbilder der Brust mit einer Dicke von höchstens einem Millimeter berechnen. Dadurch bleiben Anzeichen eines Tumors seltener von überlagertem Gewebe verdeckt. Ein Forschungsteam der Universität Münster und des Universitätsklinikums Münster (UKM) hat die Ergebnisse mit weiteren Partnern in der Fachzeitschrift „“ veröffentlicht.
Intervallkarzinome als Ersatzmaß für die Früherkennung
Fachleute bezeichnen Brustkrebs, der zwischen zwei regulären Screenings diagnostiziert wird, als Intervallkarzinom. Diese Tumoren sind in der Regel aggressiver und haben eine ungünstigere Prognose als Tumoren, die während eines Screenings entdeckt werden. Deshalb ziehen Expertinnen und Experten sie als Ersatzmesswert für die Wirksamkeit der Früherkennung heran.
Von der Entdeckung zur Wirksamkeit
Die erste Auswertung der Studie (TOSYMA-1) im Jahr 2022 hatte gezeigt, dass mit der Tomosynthese signifikant mehr invasive Brustkrebserkrankungen entdeckt werden – konkret 7,1 statt 4,8 pro 1.000 untersuchten Frauen. Ob die Tomosynthese damit auch klinisch wirksamer ist, blieb jedoch offen. Genau hier setzt die zweite Auswertung (TOSYMA-2) an, in der die Expert:innen die Intervallkarzinome in beiden Gruppen miteinander vergleichen.
Ergebnisse: 24 Prozent niedrigere Zweijahresrate
In der Tomosynthese-Gruppe wurde im ersten Jahr nach einem unauffälligen Screening bei 4,5 von 10.000 Frauen ein invasives Intervallkarzinom festgestellt, in der Mammografie-Gruppe waren es 6,3 Frauen. Im Mittelpunkt der Studie stand jedoch die Rate über zwei Jahre. Diese lag in der Tomosynthese-Gruppe bei 14,2 von 10.000 Frauen und war somit um 24 Prozent niedriger als in der Mammografie-Gruppe (18,6 von 10.000 Frauen). Dieser Unterschied ist im Gegensatz zum ersten Jahr nach der Screening-Teilnahme statistisch nicht signifikant. Die Autor:innen nennen die Corona-Pandemie unter anderem als möglichen Grund, weshalb rund 20.000 Frauen weniger an der Studie teilnahmen als geplant.
Wiederholte Teilnahme und günstigere Tumormerkmale
Der mindernde Effekt zeigte sich besonders ausgeprägt bei Frauen, die zum wiederholten Mal am Screening teilnahmen. Bei ihnen lag die Rate nach zwei Jahren bei 13,5 pro 10.000 Frauen, während sie bei Frauen in ihrer ersten Screening-Runde nahezu identisch war (18,8 pro 10.000 Frauen). Zudem waren die Intervallkarzinome in der Tomosynthese-Gruppe seltener lokal fortgeschritten und es waren seltener Lymphknoten in der Achselhöhle befallen. Diese Merkmale gelten allgemein als Hinweis auf eine effektive Früherkennung. „Unsere Studie leistet einen entscheidenden Beitrag zur wissenschaftlichen Grundlage für die Anwendung der Tomosynthese im Brustkrebs-Screening“, sagt Prof. Stefanie Weigel von der Klinik für Radiologie des UKM und der Universität Münster. „Sie erweitert und präzisiert die bisherige, begrenzte Studienlage zur Nachbeobachtung nach einem Tomosynthese-Screening.“
Studienaufbau: Knapp 100.000 Frauen, 17 Standorte
Zwischen 2018 und 2020 wurden in der Studie an 17 Screening-Standorten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen knapp 100.000 Frauen im Alter von 50 bis 70 Jahren per Zufall einer von zwei Gruppen zugeteilt. Die eine Gruppe erhielt eine Tomosynthese, ergänzt um ein aus den Schichtaufnahmen errechnetes zweidimensionales Bild. Die andere Gruppe erhielt eine herkömmliche digitale Mammografie. Die Studie war in das bundesweite, qualitätsgesicherte Mammografie-Screening-Programm eingebettet und fand somit unter Alltagsbedingungen statt. Um Intervallkarzinome zu erfassen, glich das Forschungsteam die Daten der Teilnehmerinnen mit den Krebsregistern der beiden Länder ab. Diese erfassen mehr als 95 Prozent der neu auftretenden Brustkrebsfälle. Die Verdachtsfälle überprüfte das Forschungsteam in einem mehrstufigen Verfahren. Dabei wussten die Mitarbeiter des Krebsregisters und der Referenzzentren nicht, welcher Gruppe die jeweilige Frau zugeordnet war.
Erkennungsquote und nächster Schritt
In beiden Auswertungen wurden 83,5 Prozent aller invasiven Tumoren, die innerhalb von zwei Jahren diagnostiziert wurden, bereits bei der Screening-Untersuchung in der Tomosynthese-Gruppe entdeckt. In der Mammografie-Gruppe waren es 72,3 Prozent. Die Zuverlässigkeit, mit der Frauen ohne Brustkrebs als unauffällig eingestuft wurden, war in beiden Gruppen ähnlich. „Im nächsten Schritt wollen wir die entdeckten Karzinome in der regulären folgenden Screening-Runde für Frauen beider Gruppen mit der herkömmlichen Mammografie analysieren“, erläutert Studienleiter Prof. Walter Heindel von der Uniklinik für Radiologie. „Durch die Analyse dieser Daten möchten wir herausfinden, ob die Tomosynthese im Screening fortgeschrittene Tumorstadien stärker reduziert als die Mammografie.“
Die Studie wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
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